Katalonien – Warum wir Deutsche das mit der Unabhängigkeit nicht kapieren können

Im letzten Artikel zum Thema Katalonien habe ich das Thema der Rolle kultureller Identität und deren Rolle für eigenstaatliches Selbstverständnis schon mal von der Seite beleuchtet. Es fällt immer wieder auf, dass gerade wir Deutsche bei diesem Thema komische Zuckungen bekommen… unsere eigene Identität ist ja alles andere als homogen. Wird sie doch auch 25 Jahre nach dem Mauerfall immer noch von unserer früheren Zweistaatlichkeit und den daraus erwachsenden unterschiedlichen Wertesystemen in Ost und West, Nord und Süd bestimmt.

Trotzdem gibt es „deutsch“. Jeder Mittvierziger, der irgendwann zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig  ins Ausland gereist ist, wird das bestätigen. Irgendwie kommen wir nicht daran vorbei: wir sind Deutsch, ob wir wollen oder nicht. Wir sind es, wenn wir uns über schlecht organisierte öffentliche Dienste ärgern oder wenn wir uns für schweinshaxenfressende Mitbürger schämen.

Wenn man mal ein bisschen in der Bedeutungsgeschichte des Wortes „Deutschland“ stöbert, wird einem schnell klar, dass das definierende Kriterium dafür, dass etwas „deutsch“ ist, mit Sprache zu tun hat. Die deutsche Sprache ist sozusagen die kulturelle Klammer, die diesem Teil Europas seine Identität gibt und es war in unserer Geschichte meistens nicht so, dass mit der kulturellen Identität auch staatliche Einheit verbunden war. Die haben wir nämlich seit noch nicht mal 150 Jahren. Und ich glaube, gerade deswegen können wir uns tief in unseren kleinen Krämerseelen nicht vorstellen, warum auf ein mal Jemand das sichere Nest des gemeinsamen Landes verlassen können wollte, auch wenn er ab und an mal über die ‚Ossis‘, die ‚Wessis‘ oder den ‚Weißwurstäquator‘ und die ‚Schwaben‘ schimpft. Europas Mächtige haben sich über hunderte von Jahren hier, bei uns gegenseitig die Köpfe eingeschlagen ohne lange zu fragen, wem denn das Land das da verwüstet wurde nun eigentlich gehört. Das sitzt uns in den Knochen, und deswegen ist für uns unser „einig Vaterland“ ein kuscheliger Wohlfühlort, auch wenn unser Polit-Ego eben dieses „einig Vaterland“ als reaktionäres Walhall verachtet.

Das Spanien, das wir kennen, ist für die Allermeisten zuerst mal ein Urlaubsort. „Sommer , Sonne , Kaktus – Paella in ze Bauch“ – Helge Schneider trifft’s auf den Punkt. Für uns war Spanien immer schon da. Schließlich haben die Spanier Amerika entdeckt und den Muselmann zurück nach Afrika geschickt. Und dann haben Sie all‘ die schönen Strände mit Bettenburgen zugekleistert, auf dass wir Teutonen uns nach Lust und Laune grillen können. Was wir gerne übersehen, ist die Tatsache, dass dieses Spanien eine Erfindung eines faschistischen Diktators ist.

Ein Blick in die Geschichte offenbart, dass Spanien bis etwa 1714 ein Staatenbund war. Erst mit den Bourbonen wurde Spanien ziemlich brutal zu einem Zentralstaat nach französischen Vorbild umgemodelt, in dem das „Spanischsein“ erste Priorität hatte.

Für die Katalanen, die bis zuletzt gegen den bourbonischen Zentralstaat gekämpft hatten, hatte dies den fast vollständigen Verlust eigener kultureller Identität zur Folge. Der Hebel, den Katalanen das katalanischsein auszutreiben, war das Verbot. Ihrer Sprache. Das wissen wir nicht, denn in unserem Spanien (dem oben erwähnten Franco-Urlaubs-Sangria-Spanien) wird ja nur spanisch gesprochen, und alles Andere ist nur Dialekt. Wie bei uns, wo auch die Bayern deutsch sind…

2 Gedanken zu „Katalonien – Warum wir Deutsche das mit der Unabhängigkeit nicht kapieren können

    1. Johannes Stumpf Artikelautor

      Lieber gg,

      Was man von El Mundo als Informationsquelle halten kann, soll jeder für sich selbst entscheiden. Ich bin da eher skeptisch. Der kurze Videoausschnitt gibt leider nichts Anderes als die üblichen (meist deutschen) Ressentiments gegen einen vermuteten „Nationalismus“ der Katalanen wieder und zeugt von Unkenntnis über die Akteure und Ihre Motive und Ziele. Vielleicht liegt das an unserer eigenen Geschichte. Ich glaube, ich muss da noch ein paar Artikel nachlegen…

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