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Warum gehen große Projekte bei uns ständig in die Hose?

Am 4.5.2015 fand ein interessantes Fachgespräch auf Einladung der Fraktion der Grünen im deutschen Bundestag zu eben diesem Thema statt. Der Titel war natürlich etwas subtiler gewählt, als meine sicher etwas plakative Schlagzeile, und zwar: „Muss es immer teurer werden? Baukostensteigerungen bei Großbauten des Bundes“.

Es gab vier Vortragende, die das Thema aus unterschiedlicher Perspektive beleuchteten:

  1. Jürgen Lauber warf einen systemischen Blick auf das Problemfeld „Bauwesen/Bauunwesen“ und arbeitete die Macht der Laien heraus.
  2. Lothar Fehn Krestas gab einen Einblick in die Projektdurchführung von Seiten der Bauverwaltung. Er wies auf die Projektrisiken in den unterschiedlichen Phasen eines Projekts hin.
  3. Falk Würfel erläuterte die Fallen und Finten der Vergabepraxis am Bau.
  4. Christian Lantermann beleuchtete das Thema Korruption und Transparenz

Schon die Statements der vier Vortragenden zum Thema zeigten, wie breit gefächert und gleichzeitig oft voll daneben die öffentliche Diskussion zu diesem Thema angelegt ist, denn das Problem von Terminverschiebungen und Kostensteigerung ist nie monokausal.

Woran liegt das? ich glaube, dass es zuallererst etwas damit zu tun hat, dass kaum noch Jemand ausserhalb der Fachwelt wirklich kapiert, wie Bauen überhaupt funktioniert. Gleichzeitig bestimmen aber eben Nichtfachleute, welche Regeln dem Bauen zugrunde zu liegen haben. Jürgen Lauber hat das sehr schön dargestellt. Er vertritt die Auffassung. dass der „Politiker“ und der „politische Beamte“ an nahezu allen relevanten Stellen in der Gesetzgebung, bei den Honoraren und bei den Normen und Verordnungen die entscheidenden Stellschrauben drehen. Was aber sind der „Politiker“ und sein „politischer Beamter“ anderes, als Nichtfachleute?

70 Jahre konsumorientierte Alltagserfahrung in unserem Land prägen den Blick des Käufers. Er hat sich an sofortige Verfügbarkeit zum niedrigsten Preis gewöhnt und bringt dieses Denken mit, wenn er Bauherr wird. Das gilt sowohl für den Eigenheimkäufer als auch für den gewählten Neupotentaten, der sich sein Denkmal errichten will. Und er bringt dies natürlich mit, wenn er am Stammtisch (oder in der Fraktionssitzung oder im Internetforum) sitzt, und über das Handeln der Bauschaffenden zu urteilen gedenkt. Dieser Blick sieht nur das Produkt, aber nicht den Herstellungsprozess.

Bauwerke werden aber nicht „gekauft“. Sie entstehen als „Projekt“, und dieser Umstand hat seine eigenen Regeln. Hierzu ein paar Thesen, was das Spezifische an Projekten ist:

  • ein Projekt ist immer ein Unikat, auch wenn es aus bekannten Komponenten zusammengesetzt wird. Deshalb können Resultate nur innerhalb enger Grenzen sicher vorhergesagt werden. Und deshalb braucht ein Projekt „Unschärfe“. Wie groß diese Unschärfe sein muss, bestimmt die „Erfahrung“. Also brauch man erfahrene Leute am Tisch. Von Anfang an.
  • ein Projekt durchläuft einen interaktiven Prozess der Lösungsfindung. Es gibt nicht „die beste Lösung“, nur „den geeignetsten Kompromiss“. Den muss man sich in der Regel hart erarbeiten, und man erzeugt ihn nicht „par ordre du Mufti“. Miteinander reden hilft.
  • ein Projekt hat unterschiedliche Phasen. Wenn man die Phasen durcheinander bringt, erzeugt dies zusätzlichen Aufwand.
  • der Erfolg eines Projektes hängt von den Beteiligten und Ihrer Interaktion ab. Das hat auch was mit „Projektkultur“ zu tun, und die entsteht nicht zufällig.
  • es ist unausweichlich, dass sich Projektziele im Zuge der Projektdurchführung verändern. Das kann bewusst gesteuert werden, oder durch Unkenntnis „so passieren“, verhindern lässt es sich nicht. Wenn Einem das bewusst ist, hat man die Lösungen für die schlimmsten Probleme schon vorgedacht und braucht nur noch in die richtige Risikovorsorgeschublade greifen. So werden aus ungewollten Kursänderungen bewusste, zielgerichtete Handlungen.

Mit diesen Thesen gewappnet lassen sich die wirklich großen Probleme bei Bauprojekten relativ schnell benennen:

  1. Natürlich sollte man die Kosten von Anfang an „realistisch“ schätzen. Das bedeutet, dass von Anfang an Fachleute mit (Bau-)Erfahrung mit am Tisch sitzen müssen und Ihre Erfahrung ernst genommen werden sollte.
  2. Natürlich sollte man nicht zwischendurch anfangen, ein anderes Haus bauen zu wollen. Je nach dem, wo man gerade steht, reisst man dann mit dem Hintern ein, was man gerade mit den Händen aufgebaut hatte. Im Zweifel kann man immer Jemanden mit (Bau-)Erfahrung nach den Konsequenzen (Kosten, Termine) fragen und es sich noch mal anders überlegen.
  3. Natürlich ist es keine gute Idee, immer nur das billigste Angebot zu beauftragen. Getreu dem Motto der schwäbischen Hausfrau: „wer billig kauft, kauft zwei mal“ sollte man sich überlegen, wie man Preis und Leistung in ein angemessenes Verhältnis bringen kann, anstatt einen Markt zu füttern, der von vorne herein auf Betrug baut. Die Lösung hat hier in jedem Fall etwas mit gegenseitigem Vertrauen und mit Projektkultur zu tun.

Natürlich gehen auch noch andere Dinge schief. Ingenieure planen Mist, Planungsbeteiligte reden nicht miteinander, blödsinniger Dünkel verhindert Teamwork, Firmen gehen pleite, Verträge haben Löcher etc. pp. Und manchmal übersieht man auch mal einfach etwas. Aber das sind nur selten die wirklichen Katastrophenauslöser. Die wirklich großen Projektrisiken stecken in den drei oben genannten Punkten.

Bleibt nur die Frage, welche Schlüsse man für die Zukunft hieraus zieht. Aber das gehört in einen anderen Beitrag…

 

 

 

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